"Vollgestopft" – es ist wahrscheinlich das Wort, das die Auswärtsfahrt nach Rom am besten charakterisiert. Die Hauptstadt Italiens ist bis zum Bersten mit Touristen vollgestopft. Diese säumen sich um die zahlreichen, sehenswerten, kulturellen Höhepunkte, welche die Stadt zu bieten hat. Vollgestopft waren auch die Mägen, welche kulinarisch ganz auf ihre Kosten gekommen sind. Dennoch war nichts mit "Pizza, Pasta & Amore", denn die Schikane der Ordnungskräfte hatte weder mit "Amore", teils noch nicht mal mehr mit Menschenwürde zu tun. Ein Grund, weshalb wir hier einen kleinen Erfahrungsbericht aus der "ewigen Stadt" publizieren.
Was ging im Vorfeld?
Die AS Roma und die für die Sicherheit zuständigen Stellen informierten den Servette FC über den Ablauf des Spieltags. Der Verein kommunizierte die wichtigsten Eckdaten auf seiner offiziellen Website. Um auch die Fans aus der Deutschschweiz abzuholen, haben wir eine Zusammenfassung derselben Infos auf unserer Website veröffentlicht (zum Bericht). Die Piazza di Spagna galt als Treffpunkt für den Anhang der Grenats – ein Hotspot für Rom-Touristen, da sich an dieser Piazza die berühmte spanische Treppe befindet.
Der Spieltag – kurzfristige Verschiebung des Treffpunkts
Während die meisten Marooner noch gemütlich beim Mittagessen sassen, machte sich eine gewisse Ratlosigkeit bei vielen anderen Servette-Fans breit. Denn die Polizei riegelte die Piazza di Spagna mit Gittern ab und verwehrte allen Personen den Zutritt, welche als Anhänger des SFC zu erkennen waren. Die Polizei verwies teils auf den "Fan Meeting Point" (= Abfahrtsort der Shuttlebusse) an der Piazzale delle Canestre – teils aber auch auf die Piazza del Popolo. Es stellte sich heraus, dass der Treffpunkt effektiv kurzfristig an letztgenannten Ort verschoben wurde. Im Gespräch mit einigen Sicherheitsleuten hiess es, dass im April Feyenoord-Ultras die Piazza di Spagna verwüstet hätten. Deshalb wolle man keine Gästefans bei einer der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Eine einleuchtende Erklärung, welche man aber sicherlich schon in der Planung hätte berücksichtigen können. Nichtsdestotrotz war dies kein Weltuntergang, denn die Piazza del Popolo war in wenigen Gehminuten erreichbar.
Einstimmen auf das Spiel
An der Piazza del Popolo herrschte eine friedliche und entspannte Atmosphäre. Die Polizei hielt sich dezent zurück und beobachtete, wie sich die Schweizer mit ihrem "Apéro" auf das Spiel einstimmten. Es hallten keine Böller über den Platz, es wurden keine Pyros gezündet, es wurden keine Passanten angepöbelt. Kurz vor dem Abmarsch räumte der Tross aus dem Norden, auf Geheiss der "Capos", sogar den Unrat zusammen und deponierte diesen, in Säcken abgepackt, an mehreren Stellen. Die Piazza war damit nicht sauber, doch die Reinigungskräfte waren sicher nicht unglücklich über die Geste.
Der Fanmarsch
Gemeinsam marschierte man um ca. 17:15 Uhr von der Piazza del Popolo zum "Fan Meeting Point". Der Marsch war friedlich und belustigte sogar die Touristen, deren Wege sich mit dem "Mob" kreuzten. Abgesehen von mit Stickern verklebten Strassenschildern blieb es ruhig. Die Section Grenat verzichtete weiterhin auf pyrotechnische Gegenstände.
Warten auf die Shuttlebusse
Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis der Fanmarsch an der Piazzale delle Canestre angekommen ist. Dort informierte die Polizei darüber, wie das "Boarding" der Busse zu erfolgen hat. Alle Personen sollten abgetastet werden und mussten ihr Ticket vorweisen. Mit Einsatzfahrzeugen und Gittern bildete die Polizei eine Gasse, durch welche man zu den Bussen gelangen sollte. Bis auf Weiteres war jedoch Warten angesagt. Denn man sah auf Anhieb, dass die zur Verfügung gestellten Busse nicht ausreichten, um alle Fans aufs Mal zum Stadion zu transportieren. Man überliess den Vortritt der Section Grenat, damit diese sicherlich genügend Zeit für den Einlass hatte. Zusammen mit den anderen Zurückgelassenen genehmigte man sich entspannt ein paar Hopfengetränke (oder Mineral), um bei den Temperaturen nicht auszutrocknen. Knapp zwei Stunden später stand man noch immer an gleicher Stelle. Langsam machte sich Nervosität breit. Von den Bussen für die restlichen Matchbesucher fehlte jegliche Spur. Dann ging es plötzlich schnell. Die Busse fuhren auf den Platz, die Polizei, scheuchte die ganze Gruppe ("gemütliche" Fans und Familien) wild gestikulierend auf. Nach Abtasten und Ticketkontrolle ging es in den Bus und mit Polizeieskorte zum Stadion. Melancholisch dürften die Betreiber des kleinen Bistros den Bussen hinterher gewunken haben. Schliesslich liessen die Servette-Fans den Umsatz so sprunghaft ansteigen, dass das Bistro für die nächsten drei Wochen wegen "Betriebsferien" geschlossen bleiben kann.
Das Stadio Olimpico – der "Hochsicherheitstrakt" Italiens
"Aus dem Bus und ab ins Stadion!", diese Wunschvorstellung wurde im Eingangsbereich des Stadio Olimpico zerstört. Am ersten Drehkreuz mussten ID und Ticket gezeigt werden. Nochmals wurde man abgetastet. Die Security warf zudem einen Blick in die mitgebrachten Rucksäcke. Soweit so gut. Nach der ersten Kontrolle wartete man gute zehn Minuten vor dem nächsten Drehkreuz. Es folgte eine weitere Kontrolle. Wieder mussten ID und Ticket hervorgekramt werden. Wieder wurde man abgetastet. Wieder mussten Rucksäcke geleert werden, um deren Inhalt (diesmal von der Polizei) kontrollieren zu lassen. Hatte man die ganze Prozedur hinter sich, wurde man zehn Meter weiter gewunken. Es folgte ein weiterer Posten. Die soeben im Porte-Monnaie verstaute ID durfte nochmals gezeigt werden. Die ID wurde nochmals mit dem personalisierten Ticket abgeglichen. Im Gegensatz zu den anderen Kontrollen wurden, nebst dem Rucksackinhalt (zum dritten Mal ausgeräumt!), nun auch der Inhalt der Porte-Monnaies geprüft. Auf Rückfrage hiess es "Drogenkontrolle". Je nach dem, bei welchem Polizisten man stand, durfte man auch noch seine Schuhe ausziehen. Es ist anzumerken, dass die Ultras zu diesem Zeitpunkt bereits im Stadioninnern waren. Es ging rein um die Schikane. Aber auch die Fanbetreuer aus Genf konnten nichts gegen den Kontrollwahn der Römer machen.
Abgespeckter Gästesektor führt zu Platzproblemen
Endlich, um 20:30 Uhr Ortszeit war man drin! Doch entspannter wurde es nicht. Weil "nur" rund 750 Fans aus der Schweiz angereist sind, verkleinerte die Security den Gästesektor mit Absperrband und Ordnern - "vollgestopft" eben. Die aktiven Fans, welche den SFC lautstark unterstützen wollten, richteten sich im unteren Bereich des Blocks ein. Da der aktive Support logischerweise nicht im Sitzen geschieht, bildete sich eine Kettenreaktion bis zum oberen Ende des Blocks. Ältere Leute, Kinder und andere Fans, welche die Partie gerne im Sitzen verfolgt hätten, wurden enttäuscht. Erst im Verlauf der zweiten Halbzeit fruchteten Diskussionen und einzelne Ordner gaben Plätze am linken Rand des Sektors frei.
Unter aller Sau!
Die gemütliche Stimmung von der Piazza del Popolo war längst gewichen. Trotz aller Schikane haute eine bestimmte Situation dem Fass den Boden aus. Der Umgang mit körperlich beeinträchtigten Personen war absolut herablassend! Da holten sich der Sicherheitsdienst und die AS Roma ein Armutszeugnis ab!
Ein Servette-Fan, der aufgrund eines körperlichen Handicaps auf einen Rollstuhl angewiesen war, musste diesen im Stadion abgeben!!! Der Mann (mit Emoticon zensiert) musste von seinen Begleitern wie eine Puppe im Sektor herumgetragen werden. Der Rollstuhl wurde in einem abgesperrten Bereich des Sektors deponiert. Der Mann wurde schliesslich in der obersten, freigegebenen Reihe des Gästesektors auf einen Sitz platziert. Dort war er jedoch dem "Steh-Problem" hilflos ausgeliefert. Seine Freunde mussten, während dem ganzen Spiel, die Leute um sich herum zum Absitzen bewegen. Im (nicht rollstuhlgängigen) Gästesektor hätten sich definitiv bessere und einfachere Lösungen angeboten (z.B. beim nächsten Tribüneneingang - siehe drittes Foto). Dort hätte man den handicapierten Mann auch in seinem gewohnten Rollstuhr sitzen lassen können. Inklusion scheint im Jahr 2023 doch noch nicht überall in Europa angekommen zu sein.
(Unfreiwillig) viele Wege führen nach Rom (ins Stadtzenrum)
Enttäuscht von der 4:0-Packung und nach einer angekündigten Blocksperre verliess der Servette-Mob den Gästesektor. Wieder warteten vor dem Stadion nur drei (statt den benötigten sechs) Bussen. Einige Marooner schafften es in die Busse, andere blieben im Schatten des Olimpicos zurück. Für die ersteren ging es mit Polizeieskorte zurück in die Innenstadt. Dort wurde man, anstelle an der Piazza dei Cinquecento, einige hundert Meter weiter an der Piazza della Repubblica abgestellt. Die Busse liessen sich mit der Rückfahrt Zeit. Keiner der mitgereisten Marooner wusste, ob die Busse überhaupt wieder zum Stadion zurückgefahren sind. Denn nach reichlicher Wartezeit entschloss man sich, den abgesperrten Bereich zu verlassen und, auf eigene Faust, per Taxi zum Hotel zurückzufahren.
Liebe Verantwortliche der AS Roma – so geht das einfach nicht. Wir hoffen inständig, dass sich Servette und unsere lokalen Sicherheitsbehörden nicht zu einem solchen Verhalten hinreissen lassen. Die Fans der Rangers und von Slavia Prag freuten sich jedenfalls diesen Sommer über ihre Fanzone im "Village du Soir" (gleich hinter der Tribune Sud) und taten dies auch auf Social Media kund. Denn am Ende des Tages sind wir alle lieber "vollgestopft" mit positiven Emotionen.
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