Die Fussballer von Servette sind zu neuem Leben erwacht und haben grosse Ziele. Ein Augenschein.
Es gibt sie doch. Die grossen Emotionen in Genf, wenn es um Fussball geht. Am Donnerstag war wieder so ein Moment, herbeigeführt durch zwei späte Tore von Servette in der Europa League gegen Sheriff Tiraspol. Der in der Nachspielzeit herausgeschossene 2:1-Sieg bringt die Genfer nache an den dritten Platz in der Gruppe und damit ans Überwintern im Europacup. Das gab es letztmals vor 22 Jahren. Kurz vor neun an diesem Abend tanzten deshalb die knapp 16'000 Fans auf den Sitzen des Stade de Genève, die Equipe drehte eine Ehrenrunde.
Tief unten im Bauch der Tribüne wollen die Journalisten in diesem Moment von Trainer René Weiler wissen, ob jetzt sogar noch mehr möglich ist. Zum Beispiel Siege in den nächsten Spielen gegen die AS Roma sowie Slavia Prag und damit Platz zwei in der Gruppe. Doch Weiler lässt sich nicht mitreissen von der Euphorie um ihn herum und sagt: "Sie kennen mich. Ich bin zufrieden mit dem Spiel von heute, aber es ist nicht meine Art zu träumen."
Knapp zwei Stunden vor dem Spiel sitzt Thierry Regenass in der Lobby des Hotels Ramada gleich neben dem Stadion. Seit letztem Frühling ist er Präsident von Servette. Und auch er ist kein Träumer. Denn als Genfer und als Fan von Servette seit den späten Siebzigerjahren weiss der 59-jährige, dass hier in der Vergangenheit hochfliegende Träume auch schon mit einem Albtraum endeten. Seit dem letzten Titel der Genfer, es war der Cupsieg 2001, ging der Klub zweimal in Konkurs, weil ihn Mäzene in den Ruin trieben. "Traumatisiert" habe dies die Fussballstadt Genf, so Regenass.
Solides Genfer Geld statt ausländischen Spekulanten
Das Trauma sah so aus, dass Servette in der drittklassigen Promotion League gelandet war, als 2015 ein sachter und seriöser Aufbau begann. Seither gehört der Klub der Stiftung "Fondation 1890", unter deren Dach auch die Eishockey-Meister vom Genève-Servette HC und die Rugby-Sektion organisiert sind. Das Geld kommt von der Hans-Wilsdorf-Stiftung, benannt nah dem gleichnamigen Rolex-Gründer. Genfer Geld.
Wir wollen organisch wachsen und Schritt für Schritt nehmen. Wir denken langfristig und haben solide Partner", sagt Regenass. Einer dieser Partner ist die Reederei "Mediterranean Shipping Company". Das internationale Unternehmen mit Sitz in Genf tritt auch als Trikotsponsor in Erscheinung. Nicht nur bei Servette, sondern auch beim italienischen Meister Napoli.
Solide und finanzkräftige Partner sind nötig. Denn selbsttragen ist Servette noch längst nicht. In den letzten zwei Jahren musste die Hans-Wilsdorf-Stiftung 12,9 Millionen Franken (2021) und 11,7 Millionen ein schiessen (2022). Schon für dieses Jahr sollen die Bücher aber deutlich bessere Zahlen ausweisen, "dank der Einnahmen aus dem Europacup", wie Regenass sagt. Der Sieg am Donnerstag ist 630'000 Franken wert. Wird Servette Gruppendritter gibt es nochmals 300'000 Franken. Nur: " Wir wollen unser Budget ohne diese Einnahmen einhalten können. Die Qualifikation für den Europacup darf nicht existenziell sein."
Das Budget von heute rund 20 Millionen Franken soll "in den nächsten Jahren stetig wachsen, um zunächst immer um die ersten drei Plätze zu kämpfen und dann in etwa fünf Jahren Titel gewinnen zu können", so Regenass. Plant Servette den Angriff auf de Young Boys, auf deren Stellung als Branchenprimus? Soll nach den Grasshoppers in den Neunzigerjahren, dem FC Basel zwischen 2002 und 201 sowie YB in den letzten Jahren der nächste Zyklus Servette gehören? Regenass: "Wir wollen nicht DER Klub sein, der alles dominiert. Eine solche Ausnahmestellung ist nicht gut für den Schweizer Fussball. Aber Servette soll langfristig zu den drei oder vier Klubs gehören, die um die Titel spielen.
Die sportliche Verantwortung des geplanten Vormarsches trägt als Trainer seit dieser Saison René Weiler. Er löste den Walliser Alain Geiger ab, der Servette in fünf Jahren von der Challenge League bis auf den zweiten Platz der Super League führte. "Alain machte einen unglaublichen Job. Aber nach fünf Jahren waren wir der Meinung, dass wir am Ende eines Zyklus angekommen sind. Wir wollten etwas ändern, bevor die Resultate nicht mehr stimmten. Wir konnten agieren und mussten nicht reagieren", erklärt Regenass.
Erfolgstrainer, Sprachtalent und Botschafter
Der 50-jährige Weiler weiss aus seiner Zeit bei Anderlecht und Al-Ahly Kairo, wie man Titel gewinnt. Er fühlt sich Genf und Servette seit seiner Zeit hier als Spieler in den Neunzigerjahren verbunden. Und er trifft mit seiner Vielsprachigkeit sowie seiner kulturell-intellektuellen Art den Nerv der Stadt. Aber da ist für Regenass noch mehr. "René ist als Deutschschweizer ein guter Botschafter für uns." Wir können uns dank im der deutschsprachigen Schweiz annähern. Das hilft uns, eine nationale Dimension zu bekommen."
Eine solche wird nötig sein, um den gerade im Vergleich zur Konkurrenz in Bern, Basel, St. Gallen, Luzern oder Zürich tiefen Zuschauerschnitt markant zu verbessern. Denn Genf und sein Umland, umgeben von Frankreich, sind nicht unendlich gross. Im letzten Jahr kamen im Schnitt zwar immerhin 8'500 Fans ins Stade de Genève und auf diese Saison hin setzte Servette 50 Prozent mehr Abonnements ab. Aber von den angestrebten deutlich mehr als 10'000 Zuschauern pro Spiel ist Servette weit entfernt. "Die Genfer kommen vor allem dann ins Stadion, wenn das Spiel ein grosses Ereignis ist", so Regenass.
So wie am Donnerstag. Zwar versprühte der Gegner aus der Moldau weniger Glamour, aber die Verpackung Europa League elektrisierte die Genfer. Dier Zahl von 15'822 Fans steht in krassem Gegensatz zu den 3'250 Zuschauern, die letzte Woche den Cup-Achtelfinal gegen Liga-Konkurrent Lausanne-Ouchy sehen wollten.
Bei Servette arbeiten sie daran, auch dem profanen Alltag Glanz zu verleihen. Die zuletzt fünf Siege am Stück in der Super League sind da hilfreich. Ebenso ist es der emotionale Abend am Donnerstag. Oder wie Weiler sagte: "Der Spielverlauf, die Stimmung bei den Fans, das alles macht Lust auf mehr. Das kann zum Katalysator werden." Ein Beschleuniger auf Servettes Weg nach ganz oben.
Quelle: (Oltner Tagblatt / 11.11.2023 / Stefan Wyss)
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