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Grosser Bericht über René Weiler

10.02.2024 00:04:05

Auf dem Weg zur Nummer 2 des Landes können sie auf ihren Trainer zählen

 

Sie spielen eine unglaubliche Saison, sind das einzige Team, das einigermassen mit den Young Boys mithalten kann. Am 21. Januar dann der Schock: Toptorschütze Chris Bedia wechselt zu Union Berlin in die Bundesliga. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, macht Servette aber da weiter, wo sie aufgehört haben. Ein Dank sollte dabei auch an den Trainer gehen, die Konstanz in Person.

Es liest sich wie ein Märchen. Im Sommer 2019 steigt Servette in die Super League auf. Rund ein Jahr später befinden sich die Genfer nicht etwa mitten im Abstiegskampf, sondern kämpfen vorne um die europäischen Plätze, am Schluss schaut Rang 4 hinaus.

Auch die Folgesaison ist mit Platz 3 ein Erfolg, einzig die Saison 2021/22 schliessen sie "nur" auf Platz sechs ab. Letzte Saison dann der Höhepunkt: Servette wird Zweiter und darf damit in der Champions-League-Quali antreten. Doch zu freuen vermag sich in der Calvinstadt niemand zu 100 %. Zu gross die Trauer, dass Aufstiegs- und Erfolgscoach Alain Geiger den Verein verlässt, bzw. verlassen muss.

Erste gute Anzeichen für die Fans in der CL-Quali

Der Ersatz für Geiger? Einer, der den Walliser schnell vergessen machen konnte. René Weiler wurde geholt, um die Mannschaft in die Champions League oder wenigstens zu europäischem Fussball zu führen. In seinen ersten fünf Spielen bleibt er ungeschlagen, die Grenats schalten dabei auch Genk nach Elfmeterschiessen aus. Danach bringen sie die grossen Glasgow Rangers an den Rand eines Ausscheidens in der dritten Runde der Champions League.

Die dritte Runde bedeutete allerdings auch, dass sich Servette automatisch für die Europa League qualifizieren sollte. Durch die Mehrfachbelastung wurde von vielen ein Super-League-Tief erwartet, so wie dies bei Lugano zwischenzeitlich der Fall war. Doch siehe da, die Grenats holen starke 24 von 33 möglichen Punkten, verlieren nur einmal, während sie gleichzeitig europäisch spielen. Darunter auch die Wahnsinnsserie von sieben Siegen in Folge.

Wo er weil(er)t, hat er meist Erfolg

An Alain Geiger denkt in der Stadt am Fusse des Genfersees kaum noch jemand, zu gut die Auftritte unter Neo-Trainer Weiler. Nach einem Blick auf seine Statistiken erstaunen diese Leistungen kaum noch.

Seit seinem Abgang aus Schaffhausen 2011 lag sein Punkteschnitt einzig beim FC Luzern unter 1,7 Punkten pro Spiel. Der Schnitt, welchen er momentan mit den Grenats erreicht ist, man glaubt es kaum, sein schwächster seit 13 Jahren, das Intermezzo in Luzern mal ausgenommen.

Vom FC Schaffhausen zog es ihn 2011 zum FC Aarau. Dort wurde er geholt, um den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern, da man zur Zeit seiner Anstellung als 13. nur knapp vor dem Abstieg stand. Schlussendlich schaffte der FCA dies relativ souverän.

Ziel in der zweiten Saison war der Aufstieg, egal auf welchem Weg. Als erster Verfolger des FC St.Gallen ging der Weg in die Barrage, wo das erklärte Ziel allerdings nach einer 0:3-Niederlage in Sitten und einem 1:0-Erfolg zu Hause verpasst wurde.

Was noch nicht ist, kann ja noch werden, dachte man in Aarau und hielt an Weiler fest. Und tatsächlich beendete der Brügglifeld-Club die Saison 2012/13 mit 14 Punkten Vorsprung auf Bellinzona als verdienter Challenge-League-Meister und durfte ab sofort wieder Super-League-Fussball spielen.

Diesen tätigten sie nicht besonders erfolgreich, trotzdem konnte man die Saison vor Lausanne beenden und schaffte den Ligaerhalt. Nichtsdestotrotz war für Weiler Ende Saison Schluss im Rüeblikanton.

Neuanfang im Ausland

Nach viereinhalb Monaten Arbeitslosigkeit heuerte der gebürtige Winterthurer in Nürnberg an, wo er in den ersten beiden Spielen Mühe bekundete. Der erste Sieg liess drei Spiele auf sich warten, von da an waren die Franken wieder ein gefestigter 2. Bundesliga-Club.

Zumindest in der ersten Saison von Weiler, denn in der zweiten Saison schnupperte man am ganz grossen Coup. Erst in der Relegation gegen Frankfurt wurde der Traum von Bundesliga-Fussball zunichtegemacht. Die in Nürnberg verhasste Person damals war Schweiz-Stürmer Haris Seferovic, der Frankfurt im Rückspiel zum Sieg schoss.

Trotz der guten Saison war es für den damals 42-Jährigen Zeit für eine Veränderung, eine Rückkehr in die Erstklassigkeit. Diese Veränderung fand er beim belgischen Topclub Anderlecht, wo er gleich in seiner ersten Saison den Meistertitel feiern konnte, allerdings nach schwachem Saisonstart und nur der neunten Position in der Tabelle nach bereits sieben Spielen in seiner zweiten Saison entlassen wurde.

Das verflixte halbe Jahr

Für Weiler war eine Zeit gekommen, in der er sich neu sammeln und überlegen musste, wo es ihn als Nächstes hinzieht. Da ging ihm ein Licht oder besser gesagt, eine Leuchte auf. In der Leuchtenstadt war nämlich sein nächstes Abenteuer und abenteuerlich war auch der Saisonverlauf.

In Luzern musste er mit einer neuen Situation klarkommen, denn erstmals seit seinem Abgang aus Schaffhausen lief es einer seiner Mannschaft überhaupt nicht. Ein Punkteschnitt von nur 1,36 Punkten pro Spiel, der siebte Tabellenrang und nur sechs Punkte Vorsprung auf den Barrage-Platz waren Gründe, weshalb Weiler bereits nach gut einem halben Jahr in Luzern wieder seine Koffer packen musste und erneut viereinhalb Monate ohne Arbeitgeber da stand.

Weit weg, um wieder näher an den Spitzenfussball zu kommen

Nach diesen viereinhalb Monaten wagte er den Sprung nach Ägypten. Dort hatte er Erfolg, wurde Meister in seiner ersten Saison und war gefeierter Mann im Land der Pharaonen. Ein unglaublicher Punkteschnitt von 2,48 Punkten pro Partie schützte ihn aber auch dort nicht, bald schon wieder gehen zu müssen.

Es wartete eine lange Fussball-Abstinenz auf ihn, fast anderthalb Jahre fand er keinen Verein, ehe der japanische Klub Kashima Antlers auf ihn aufmerksam wurde und ihn in die J1 League holte. Zu Saisonbeginn der Saison 2022 (in Japan wird im Jahresmodus gespielt) lief es den Antlers gut, zwischenzeitlich waren sie gar Tabellenführer.

Dann kam allerdings die Baisse, nur drei von 13 Spielen konnten gewonnen werden und nach sechs sieglosen Spielen in Folge musste der ehemalige FCZ-Spieler wieder gehen.

Ein Jahr ohne Fussball

Bis zu seinem Engagement in Genf blieb Weiler arbeitslos. Es muss eine Erlösung für ihn gewesen sein, kam das Angebot doch von einem seiner Herzensvereine. Er selbst nannte sich schon zuvor Servette-Fan, war als Spieler über zwei Jahre bei den Grenats aktiv. Seine Trainer-Karriere könnte dadurch neu aufblühen, vorerst hat er aber einen Vertrag bis im Sommer 2025.

Der Aufschwung kommt nicht nur durch den Trainer

Die gute Form haben die Servettiens allerdings nicht nur ihrem Trainer zu verdanken. Sie glänzen durch Konstanz, haben ein nicht nur breites, sondern auch tiefes Kader. Abgänge wie jener von Chris Bedia oder Ausfälle wie der von Jeremy Frick kann man ohne grösseren Leistungsabbau kompensieren.

Trotzdem baut man weiter am Kader, holte kürzlich Arsenal-Innenverteidiger Omar Rekik und den jungen Stürmer Bassirou N'Diaye. Rekik soll das zuletzt so stark aufspielende Mittelfeld um Timothé Cognat, Bendegúz Bolla und Gaël Ondoua defensiv stabilisieren, N'Diaye die Offensiv-Aktionen von Vielleicht-Bald-Nati-Neuling Dereck Kutesa vergolden.

In Genf läufts. Fünf Punkte Vorsprung auf das drittplatzierte St. Gallen, bereits 12 auf den ersten Verein unter dem Strich, der FC Winterthur.


Quelle: (sport.ch / 07.02.2024 / Dominic Hodel)