René Weiler hat im Ausland Titel gewonnen, doch in der Schweiz kämpft er um Anerkennung. Der Winterthurer gilt als unbequem und unbeugsam. In diesen Wochen flösst er mit dem Servette FC dem Meister YB Angst ein.
René Weiler, sind Sie in der Schweiz als Fussballtrainer ausreichend wertgeschätzt worden?
Das ist für mich nicht relevant. Wer sich in der heutigen Medienlandschaft positioniert und wer sich wo wie gibt – das gibt selten ein reales Abbild. Wertschätzung hat auch etwas mit Qualität zu tun. Und dies unabhängig von einer Rangierung.
Der Servette FC kann YB gefährlich werden. So etwas hat’s in den letzten Jahren nur gegeben, als der FC Zürich 2022 Meister geworden ist.
Das freut mich. Aber dafür sind einige Personen verantwortlich. Meine Teams durchliefen überall ähnliche Entwicklungen.
Vor ein paar Wochen gewann Servette in Bern gegen YB 1:0. Damals sagten Sie, dass Sie nicht über Titel reden, sondern Titel gewinnen wollten. Das taten Sie mit Anderlecht in Belgien 2017 und mit al-Ahly in Ägypten 2020. Nicht aber in der Schweiz.
Für einen Titelgewinn muss sehr viel zusammenpassen. Das Land spielt dabei keine Rolle, dafür anderes umso mehr. Es geht darum, Prozesse zu initiieren und weiterzukommen, als Team, als Organisation. Der Tabellenplatz ist nur ein Teil der Wahrheit.
Sie arbeiteten von 2011 bis 2014 in Aarau und stiegen mit dem Klub in die Super League auf. Dort sagen sie heute zwei Dinge über René Weiler: Er sei einer der besten Trainer gewesen. Und er sei anstrengend.
Ich habe einen gewissen Drive. Ich bin wohl kein Langsamdenker und habe Ambitionen. Ich will vorwärtskommen – und das spürt mein Umfeld. Das vermittle ich nach unten, gegen die Seiten hin und vielleicht sogar auch etwas nach oben. Und dies, obschon ich Angestellter bin.
Hat man in der Schweiz Ihre Erfolge in Belgien und Ägypten zu wenig wahrgenommen?
In der Schweiz ist das allgemeine Fussballverständnis weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. Selbst in Japan wissen sie besser Bescheid. Servette spielt in der Conference League gegen Viktoria Pilsen, und ich höre, dass der Erfolg als selbstverständlich erachtet wird. In der Schweiz werden Ligen aus kleineren Märkten wie den Niederlanden, Belgien oder Tschechien geringgeschätzt.
In Deutschland arbeiteten Sie in Nürnberg, 2. Bundesliga. Dort sagt man über Sie: fordernd, anstrengend, durchaus erfolgreich. Aber Sie neigten dazu, den Rayon als Trainer zu verlassen und sich zu stark in die Klubpolitik einzumischen.
Daran haben diejenigen keine Freude, die Klubpolitik machen. Man muss von A bis Z transparent sein. Ich schätze es, wenn aus dem Nachwuchsbereich, also von unten her, irgendwer auf Augenhöhe mit mir spricht. Die Personalpolitik ist entscheidend: Wen holen wir für welchen Betrag? Warum?
Etwas erstaunt: Sie gehen nach Belgien und werden 2017 auf Anhieb Meister, Sie sind in der Champions League, und kurze Zeit später knallt’s. Kompetenzstreit, Trennung. Wie ist so etwas möglich?
Als ich weg war, kam der Klub in grosse Schwierigkeiten. Die Interna wären spannend. Aber ich möchte nicht darauf eingehen.
Gibt’s in solchen Momenten Selbstkritik?
Das strengt im Fussball an, du hinterfragst dich in einem komplexen Gefüge dauernd. Man muss authentisch bleiben, aber gleichzeitig öfters Dinge akzeptieren, die nur schwer zu akzeptieren sind.
Was hätten Sie in Deutschland anders machen sollen?
Wäre ich in Deutschland geblieben, wäre der Weg dort womöglich offener gewesen. Es lief gut in Nürnberg, bis zum Fastaufstieg in die Bundesliga. Aber es kamen wie in Belgien klubpolitische Dinge hinzu, die meine Arbeit erschwert haben.
René Weiler wehrt sich – und nickt Entscheide nicht einfach ab.
Vielleicht ist das mein Problem. Ich bin zurückhaltender, gelassener geworden. Aber ich werde nie aus meiner Seele eine Mördergrube machen. Gefällt mir etwas nicht, spreche ich das an. Für mich ist unverständlich, wenn ein leitender Angestellter mit Vorbildfunktion nicht so agiert.
Warum arbeiten Sie eigentlich im Fussballgeschäft?
Das ist eine Schlüsselfrage. Mir ist bewusst, wie reich mich der Fussball macht. Erfahrungen sammeln, Kulturen kennenlernen, super wohnen können, Geld verdienen, nichts organisieren müssen, auf allen Kontinenten unterwegs sein, Abenteuer leben. Der Fussball beschenkt mich, aber fordert mich aufs Äusserste. Es gibt Vorgänge und Machenschaften, die meinen Werten nicht gerecht werden.
Im Fussball ist das Machtspiel doch naheliegend.
Ich versuche, mich davon fernzuhalten. Aber ich erwarte, dass man mich machen lässt im Umgang mit dem Team. Es gibt nicht meine oder deine Spieler. Ich handle sach- und nicht personenbezogen.
Da sind wir wieder beim Einflussbereich. Ist nicht manchmal mehr Zurückhaltung gefragt?
Wenn man einen guten Spieler zu ersetzen hat, muss man antizipieren, adäquate Alternativen im Auge haben. Das kann keiner besser als der Trainer, welcher stets um sein Team herum ist.
Aber es könnte sein, dass ein Coach trotz gutem Willen und viel Gespür falsch entschieden hat.
Wir Trainer entscheiden im Jetzt, und was wir spüren, ist stärker als alle Tipps von Aussenstehenden. Ich ignoriere niemanden. Ich nehme alles auf. Ich mag aber nicht sonderlich gern, wenn ein Aussenstehender dominant wird. Am Ende tragen wir ja auch die unangenehme Verantwortung. In der Schweiz reden zu viele mit.
Die gibt’s auch im Ausland.
Im Ausland sprachen mich alle mit «Coach» an, im Café, auf der Strasse, beim Joggen. Ich will bestimmt nicht der Chef sein, aber der Coach, der sagt, wo’s langgeht. Im Klub arbeitet man in der Interaktion auf ein Ziel hin. In der Schweiz spürte ich manchmal das: Das ist der Trainer, aber das könnte auch ein anderer machen, es hat ja genug auf dem Markt. Wir werden fast dazu gezwungen, nicht mehr authentisch zu sein. Wir müssen uns vermarkten.
Was antworten Sie einer Person, die sagt, René Weiler sei ein guter Verkäufer seiner selbst?
Jeder verkauft sich, ich bin kommunikativ, ein guter Rhetoriker. Jedoch viel weniger Verkäufer als manch anderer in diesem Business.
Die Kamera richtet sich auf den Trainer an der Seitenlinie, wenn etwas ist.
Das habe ich nicht gern. Aber ich muss es akzeptieren. Ich bevorzuge es, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Dieser gehört den Spielern. Meine Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, ihnen ein guter Begleiter zu sein. Auch neben dem Feld, im Alltag. Ich freue mich darüber, wenn ich spüre, dass das Gegenüber die Zusammenarbeit schätzt und von mir profitieren will.
Ist das, was jetzt mit dem Servette FC ist, eine Genugtuung?
Es ist eine Freude für alle. Drei der besten Spieler haben wir verloren, Gaël Clichy, Kevin Mbabu und im Winter den Torschützen Chris Bedia. Andere Spieler wie Frick, Severin, Rouiller, Stevanovic und Cognat waren schon in der Challenge League dabei, von ihnen profitieren wir. Einige haben hier eine beispiellose Identifikation geschaffen, das ist ein Glücksfall.
Muss YB Angst haben vor Servette?
Im Fussball muss man keine Angst haben. Man muss uns respektieren, wir haben eine starke Mannschaft. Aber vergesst andere nicht, zum Beispiel den FC Lugano.
YB hat Angst vor Servette und verhinderte einen Transfer.
Ja, von Donat Rrudhani. Wir wollten ihn, sie gaben ihn nicht. Jetzt ist er von YB nach Lausanne.
Gemeint war eigentlich jener des mehrfachen Torschützenkönigs Jean-Pierre Nsamé.
YB wollte ihn uns nicht abgeben. Aber ob wir ihn genommen hätten und zu welchem Preis, ist eine andere Frage. Da geht’s um finanzielle und politische Dinge.
Aus der Servette-Direktion heisst es, dass Nsamé bezahlbar gewesen wäre.
Ich habe kein Interesse, über Spieler zu reden, die nicht unserem Kader angehören – aus welchen Gründen auch immer.
Bedia schiesst für Servette in einem Halbjahr zehn Tore, wechselt zu Union Berlin und summiert dort bis dato 43 Spielminuten. Was sagt uns das?
In der Schweiz wird der Fussball nicht immer richtig eingeschätzt. Als Bedia in München zehn Minuten eingesetzt wurde, sagte ich zu meinem Assistenten: Das wird schwierig für Bedia, wenn er sich nicht voll engagiert, das kann er sich dort nicht erlauben. Er muss in diesen wenigen Minuten voll gehen, pressen, die Bälle halten, Zweikämpfe gewinnen. Manchmal hast du nur eine Chance, und die musst du nutzen.
Ist der Umgang mit Spielern in der Schweiz sanfter?
Ja. Hier beklagen sich Spieler mehr über irgendetwas und finden leichter Adressaten. Das kenne ich aus dem Ausland so nicht. Dort fragt man nicht den Spieler nach dem Trainer, sondern den Trainer nach dem Spieler.
Sie haben in den 1990er Jahren in Genf Fussball gespielt. Didier Fischer, die starke Person in der Organisation, sagt, dass Sie das Erbgut des Klubs verstünden. Was heisst das?
Genf ist anders als andere Schweizer Städte. Das Freizeitangebot hier ist gross. Der Ausländeranteil beträgt fast 50 Prozent. Genf ist international, vielfältiger als Zürich. Das Publikum besucht internationale Spiele. Es goutiert diejenigen mehr, die technisch guten Fussball spielen. Und diejenigen weniger, die vor allem rackern und den Fussball arbeiten. Seinerzeit verehrte Genf nicht den Schweden Hakan Mild, sondern den Brasilianer José Sinval.
Warum akzeptieren sie den Deutschschweizer Trainer René Weiler?
Als Spieler halfen mir meine technischen Fertigkeiten. Vielleicht vereine ich ein Stück weit die Deutschschweizer Kultur, die deutsche Entschlossenheit mit der welschen Mentalität. Man sagt ja den Welschen nach, dass sie mehr Lebensfreude haben, jedoch im Sport wegen einer gewissen Nonchalance seltener etwas gewinnen.
Servette wurde letztes Jahr mit dem Trainer Alain Geiger Zweiter.
Ja, und was soll ich darauf antworten?
Was haben Sie übernommen? Was verändert?
Es ist Intensität dazugekommen, wir versuchen, höher zu pressen, unberechenbarer zu sein. Das gefiel am Anfang nicht allen. Der Stilwechsel, Abgänge, Zugänge, Dreifachbelastung, Erwartungen, der zweite Tabellenrang 2023 und die Frage von aussen: Warum wechseln die den Trainer? Die erfolgten Anpassungen haben wir im Kollektiv umgesetzt.
Trotz Aarau, trotz der 2. Bundesliga und trotz dem Meistertitel mit Anderlecht zog Ihnen YB 2019 Gerardo Seoane vor, der damals ein gutes Halbjahr mit Luzern vorweisen konnte. Schätzt man den Trainer Weiler kleiner ein, als er effektiv ist?
Nein. Im Fussball reden ganz viele über vieles, ohne wirklich entsprechende Kenntnisse zu haben. Das kann ich nicht ändern, damit halte ich mich nicht länger auf. Ich will mit meiner Arbeit Entwicklungen begleiten und Fortschritte erzielen. Das ist mein Fokus.
Zumindest im Verhalten an der Seitenlinie gibt’s Ähnlichkeiten zwischen Seoane und Ihnen.
Ich kenne wenige Trainer gut, aber ich nehme sie wahr. Das Auftreten Seoanes gefällt mir. Er ist kein Schauspieler, stellt sich nicht ins Zentrum, zeigt durchaus Emotionen. Wir müssen uns doch nicht präsentieren, wir sollten unseren Spielern im wahrsten Sinne des Wortes helfend zur Seite stehen.
Quelle: (nzz.ch / 29.03.2024 16:41 Uhr / Peter B. Birrer)
Social Media