Nachdem über 500 Luzerner Fussballanhänger an Ostern die Teilsperre des Stadions in St. Gallen ad absurdum geführt haben, greift Ratlosigkeit um sich. Was tun gegen Fangewalt? Eine Einordnung mit einem Wissenschafter.
Herr Brechbühl, in St. Gallen wurde am Ostermontag die Luzerner Fangruppe in den Stadionsektor geleitet, den die Behörden gesperrt hatten. Hätte es eine andere Lösung gegeben?
Die Fans einkesseln und kontrollieren? Mit welcher Konsequenz? Das birgt immer ein Risiko, weil die Spannungen steigen. Zudem braucht es dafür viele Polizeikräfte. Am Ende geht es um das Thema Sicherheit und Verhältnismässigkeit. Da die Luzerner Fans keine gewalttätigen Absichten zeigten und im Besitz von regulären Tickets waren, war ein Öffnen des Gästesektors vermutlich die pragmatischste Lösung.
Die Fangruppen werden nicht nur in St. Gallen wie durch einen Gitterkorridor ins Stadion geführt. Allein das entfaltet bei Aussenstehenden eine heftige Wirkung.
Das ist zwar unschön und kann ein irritierendes Gefühl für Stadionbesucher erzeugen. Insgesamt hat sich das Konzept der Fan-Trennung aber bewährt. Gerade bei hoher Rivalität, dann suchen sich Fangruppen teilweise auch aktiv. Zäune sind da das einfachere Mittel als ein Polizei-Cordon.
Zuvor, am Ostersamstag, mussten in Luzern zwei vermummte Fangruppen aus Luzern und St. Gallen am Rande eines Nachwuchsspiels im Niemandsland von der Polizei voneinander ferngehalten werden. Was läuft da ab?
Dabei handelte es sich wohl um einen Ausweicheffekt. Das Ausleben einer derartigen Rivalität wird in der Literatur auch mit einer Überidentifikation in Verbindung gebracht. Woher diese Rivalität zwischen Luzern und St. Gallen kommt, ist nicht gänzlich geklärt. Da gibt’s mal einen Vorfall, und es folgt die Retourkutsche. Der darauffolgende Teufelskreis ist dann schwierig zu durchbrechen. Und es gibt Leute, die eine Rivalität in gewaltsamem Stil ausleben wollen.
Die wollen einfach kämpfen und aufeinander los.
Früher waren das eher reglementierte Treffen. 20 gegen 20. Keine Waffen, dort treffen wir uns. Ein fairer Kampf. Heute kommt es vermehrt zu überfallartigen Angriffen. Und in Ultra-Kreisen ist der Faktor der Territorialität wichtig. Wir sind hier in eurem Territorium, laut, auffällig, und ihr könnt nichts dagegen tun.
Fankurven wirken teilweise gut organisiert.
Ja, da scheinen auch kreative und gescheite Köpfe dahinterzustecken. Die Kurven sind gut vernetzt untereinander, auch Kurven-übergreifend. Zum Beispiel, wenn’s darum geht, Protestaktionen zu orchestrieren. Die Ultras übernehmen eine Art Protest-Identität, das ist ein Kennzeichen der Schweizer Fankultur.
Wogegen protestieren sie?
Im Moment gegen einschränkende Sicherheitsmassnahmen. Aber auch gegen den modernen Fussball mit seiner Kommerzialisierung und damit einhergehenden Phänomenen wie der Vermarktung in den Medien. Sie sind für regional verankerte Klubs, die den Dialog mit den Fans pflegen. Und gegen Klubführungen, die sich abkapseln und von irgendwoher Geld nehmen.
Das Thema Fangewalt bleibt. Ist die Lage eigentlich besser oder schlimmer geworden?
Die Statistik der letzten Saison deutet auf eine positive Entwicklung hin, die Zahlen sind gesunken. Ob das Bestand hat, wird sich zeigen. Die Qualität hingegen ist schwierig zu bewerten.
Wenn Gewalt ausbricht, ist sie heftiger geworden.
In der letzten Saison hatten wir in der Deutschschweiz zwei happige Zwischenfälle. In Basel gingen Fans auf den eigenen Sicherheitsdienst los, es gab schwere Verletzungen, und dort waren nicht nur 20 Fans beteiligt. Und die schweren Krawalle in der Stadt Luzern.
Sicherheitsexperten sagen, dass sich die Fronten rund um das Fussballfan-Wesen verhärtet hätten.
Zumindest der Bruch zwischen der Liga und den Behörden zum Kaskadenmodell scheint dies zu bejahen. Trotzdem muss man am Ende zusammenarbeiten, anders geht es nicht.
Das war schon einfacher.
Ich bin optimistisch, dass man sich früher oder später wieder findet. Der Dialog mit den Fankurven war schon vorher nicht einfach. Er ist jetzt noch schwieriger geworden. Die Kurven verlangen eine offene und realistische Diskussion und haben sich dem Dialog zum Kaskadenmodell entzogen.
Das Kaskadenmodell umfasst vier Eskalationsstufen, gewisse Vorfälle lösen automatisch Massnahmen aus bis zur Sperrung der Heimkurve. Es steht aus zwei Gründen in der Kritik: zu wenig Prävention, zu viel Kollektivstrafe.
Bei den bisherigen Kaskadenmodell-Massnahmen scheint in Klubs und in Fankreisen das Gefühl entstanden zu sein, dass man nur pro forma noch angehört wird, die Massnahmen aber längst stehen. Zum anderen hatten wir die Vorfälle in Basel und Luzern, wo auch behördenseitig eine Reaktion gezeigt werden musste. Die Fans reagieren aber empfindlich darauf, wenn das Kollektiv tangiert ist. Am gewalttätigen Vorfall mit YB-Fans in Zürich im September 2023 war nur ein kleiner Teil involviert. Da wurden diskussionslos Grenzen überschritten. Aber mit der Sperre der Fankurve sind mehrere tausend Personen betroffen, die mit dem Vorfall in Zürich nichts zu tun haben. Viele waren nicht einmal an besagtem Spiel.
Führt so etwas eher zu einer Solidarisierung mit Leuten, die Grenzen überschreiten – und weniger zur Selbstregulierung der Kurve?
Die Forschung deutet in diese Richtung. Kollektive Massnahmen schaffen Bedingungen für eine Solidarisierung. Schlimmstenfalls werden gewaltsame Handlungen anderer Fans als legitim wahrgenommen, im Sinne von: «Der wehrt sich absolut zu Recht.» Man schafft eine gemeinsame Identität: Widerstand gegen die Behörden. Es zeigen sich aber auch Kurven-übergreifend Solidarisierungseffekte.
Warum funktioniert die Selbstregulierung der Kurven nur beschränkt?
In aufgeheizten Situationen ist es für die führenden Köpfe in der Kurve schwierig, alle im Griff zu behalten. Oftmals sind es schlicht zu viele Personen. Gerade Affekthandlungen sind kaum zu regulieren. Da helfen auch harte Strafen wenig. Man muss sich vorab bestmöglich absprechen, organisieren. Ist Zeit vorhanden, ist die Koordination oftmals beeindruckend. Aber eine Garantie für friedliche Spiele gibt auch das nicht.
Die Kurven haben starken Zuwachs erhalten. Warum?
Der FC Zürich braucht mittlerweile meist zwei Extrazüge. Das Fussballspiel wirkt anziehend, vor allem auf junge Männer. Da kann man etwas erleben, angefangen beim Extrazug, der mit einem Ausgehlokal verglichen werden kann. Beim Matchbesuch können Grenzen ausgetestet und teils auch überschritten werden. Auch das Gemeinschaftsgefühl ist wichtig: zusammen in einer anderen Stadt, im Stadion. Und zusammen wieder zurück nach Hause. Auch Aspekte wie das Darstellen von Stärke, Kampf oder Widerstand können anziehend wirken.
In welche Richtung müsste es gehen, damit die Fangewalt eingedämmt werden kann?
Aus wissenschaftlicher Sicht erkenne ich keinen Hebel, der eine sofortige Eindämmung gewährleisten kann. Ein solcher existiert ja auch in anderen Bereichen nicht, in denen wir Delinquenz haben. Warum soll es im Massenphänomen Fussball anders sein? Es sei denn, man spielt nur noch ohne Publikum. Aber das ist keine Lösung, weil Verschiebungseffekte programmiert sind. Die Forderung ist aber oft: Das muss jetzt aufhören. Durchgreifen. Solche Erwartungen sind unrealistisch und zu dämpfen.
Was ist zu tun?
Der andere Teil ist langfristige Arbeit, die nicht so schnell zu erkennen ist. Ja, es gibt Individuen in den Kurven, die Gewalt suchen und ausüben. Man muss diese in mühseliger Arbeit identifizieren und fernhalten, doch so bleiben die Sanktionen auf die Täter bezogen. Gleichzeitig darf der Dialog mit den Kurven nicht abbrechen. Man muss früh ansetzen, weil sich in 10 Jahren ganz andere Leute in den Kurven aufhalten. Eine wirkliche Gewaltprävention beginnt bereits im Kindesalter.
Im Verhältnis zu den Spielerlöhnen könnten die Klubs mehr Fanarbeit leisten.
Sicherlich dürfte der eine oder andere Klub mehr investieren. Ein simples Abschieben der Prävention auf die Klubs greift mir aber deutlich zu kurz. Sie ist auch für die Städte und Behörden ein wichtiger Punkt. Auch da ist sicher mehr möglich. Die Verantwortung ist gesamtgesellschaftlich.
Quelle: (nzz.ch / 06.04.2024 21:45 Uhr / Peter B. Birrer)
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