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Vergessene Servette-Talente: Star oder Supernova?

17.06.2024 01:39:02 | Peter

Lorenzo González am Scheideweg seiner Karriere

 

"Jeremie Frimpong lanciert Phil Foden auf der rechten Seite. Clever verlagert dieser das Geschehen auf den linken Flügel. Dort regt Jadon Sancho mit seiner Ballannahme zum Träumen an. Der Engländer flankt butterweich zur Mitte, wo Lorenzo González in die Luft steigt. Der einstige Servette-Junior zeigt keine Gnade und nickt eiskalt zum 1:0 ein." – diese Worte wären vor ein paar Jahren noch ein plausibler Kommentar eines Spiels der U18-Mannschaft von Manchester City gewesen. Während seine Teamkameraden ungeschlagen die Bundesliga gewinnen konnten, im Finale der UEFA Champions League standen, oder die EM-Hoffnungen von ganz England sind, ist der Schweiz-Spanier in der Versenkung verschwunden. Wir haken nach.

Als "nächster Agüero" wurde González verschrien, als er 2016 in Manchester unterschrieb. Zarte 16 Jahre alt war er damals (wir berichteten). Dem Transfer ging eine Schlammschlacht mit den Verantwortlichen des Servette FC voraus. González, dem Angebote zahlreicher Topklubs vorlagen, schwänzte Trainings und beschwerte sich anschliessend über Disziplinarmassnahmen, welche ihm in Genf ausgesprochen worden sind. Doch kaum angekommen auf der Insel wollte der bullige Angreifer nur noch nach vorne schauen. Mit harter Arbeit sollte es klappen mit dem Durchbruch bei den "Citizens" – oder zumindest bei einem anderen Verein aus der Premier League. Der Start verlief verheissungsvoll. Gleich in seiner ersten Spielzeit gelangen ihm 14 Tore und 5 Assists in 22 Meisterschaftspartien. Die U18 schien nur eine Durchgangsstation zu sein. Schon in der Folgesaison durfte González für die U21 ran. 14 Einsätze in der "Premier League 2", der höchsten Juniorenspielklasse, und 5 Tore standen zu Buche. Der Juniorennationalspieler war motiviert und wollte seine ersten Erfahrungen im Profigeschäft machen.



Probleme in Malága

Deshalb zögerte er nicht lange, als ihm 2019 ein Angebot vom Malága CF vorlag. Der Verein aus Südspanien verpatzte in der Vorsaison knapp den Aufstieg in La Liga. Nun sollte die Rückkehr ins Oberhaus endgültig realisiert werden. Mit dem Japaner Shinji Okazaki holte man einen Mann mit über 200 Spielen Erfahrung aus der 1. Bundesliga und der Premier League. Anstelle vom Sturm auf die Oberklassigkeit kam alles anders. Okazaki war aufgrund von ausstehenden Lohnzahlungen bereits im September wieder weg. Und auch sonst versank Malága im Chaos. Für den jungen González keine einfache Zeit. Lediglich sechs Mal durfte er für die "Boquerones" auflaufen. Nie durfte er von Beginn weg ran. Als im darauffolgenden Januar auch noch Trainer Sánchez seinen Platz geräumt hatte, musste eine Lösung her. Diese fand die Sturmhoffnung in der Heimat.

Verletzungshexe verzögert den Durchbruch

Der FC St. Gallen freute sich über den Neuzugang, den man in ein paar Jahren teuer verkaufen wollte. Peter Zeidler sah das Potenzial im jungen Offensivmann. Gleichzeitig wollte er nichts überstürzen. Der 19-jährige sollte langsam an die Mannschaft herangeführt werden, ehe er die Sechzehner der Super League unsicher machen sollte. Unfreiwillig, und wohl auch entgegen Zeidlers Plan, stoppte Corona die Meisterschaft im Februar. Somit musste sich González knapp weitere vier Monate gedulden, bis er seiner Karriere so richtig Schwung verleihen konnte. Wieder kam es anders. Kurz vor Wiederaufnahme des Spielbetriebs riss sich der Ex-Servettien in einer Trainingseinheit das Kreuzband. All die Vorfreude auf seine ersten Super-League-Minuten war vergebens.
Erst im April 2021 kehrte der mittlerweile 21-jährige so langsam auf den Rasen zurück. Noch immer war der Spielbetrieb aufgrund der Corona-Pandemie stark eingeschränkt. Dies bedeutete, dass man dem Genfer in St. Gallen keine Pflichtspiele mit der U21 anbieten konnte. Spielpraxis sammelte der bullige Angreifer nur in Testspielen gegen U21-Auswahlen anderer hiesiger Profiklubs. Schliesslich, am 21.05.2021, kam der grosse Moment! Ausgerechnet im Stade de Genève feierte das einstige Sturmjuwel sein Profidebüt in der Schweiz. Am letzten Spieltag durfte er beim 2:1-Auswärtssieg gegen seinen ehemaligen Juniorenverein während 22 Minuten ran.

Eine nicht genutzte Chance

In der Ostschweiz rüstete man im Sommer 2021 die Offensive auf. Fabian Schubert kam mit der Referenz als Torschützenkönig der zweiten Liga Österreichs. Elie Youan konnte man dem FC Nantes aus der Ligue 1 abluchsen und im Duo Christopher Lungoyi / Julian von Moos sah man viel Potenzial. Für González schien eine Leihe ohne Druck der beste Weg zu sein, um einen weiteren Anlauf im Profigeschäft zu nehmen. Mit dem FK Usti nad Labem wählte er jedoch eine gar ungewöhnliche Leih-Destination. Der Verein aus Tschechien sah im einstigen U20-Nationalspieler eine gute Verstärkung für die Spiele der Fortuna Narodni Liga (zweithöchste Spielklasse). In einer turbulenten Saison kam er 14-Mal zum Einsatz. Ein Tor und zwei Vorlagen rissen aber auch in der Stadt an der deutschen Grenze niemanden vom Hocker. Als man dann noch im Abstiegsstrudel landete, setzte Trainer David Jarolim auf andere Kräfte. Man munkelt, dass der Ex-Bundesligaspieler mit der Einstellung des Leihspielers nicht warm wurde. Beim FC St. Gallen schien die sportliche Leitung nach González' Rückkehr auch nicht mehr so angetan von ihm zu sein. Der auslaufende Vertrag wurde nicht mehr verlängert.

Rettungsanker greift auch vor der Küste Nordafrikas nicht

Es war der Sommer 2022. Der Marktwert von Ex-Teamkollege Phil Foden lag mittlerweile bei geschätzten 100-Millionen Euro. Da wechselte Lorenzo González nochmals in die Heimat seiner Eltern. Der "rettende Hafen" war derjenige von Ceuta. In der spanischen Exklave, welche in Nordafrika liegt und vollständig von Marokko umschlossen ist, nahm das einstige "Supertalent" den nächsten Anlauf. Beim AD Ceuta FC, in der dritthöchsten Liga Spaniens, hiessen die Gegner plötzlich Alcorcón oder Fuenlabrada. Die zweiten Mannschaften von Real Madrid oder Celta Vigo versprühten etwa so viel Glamour, wie gefälschte Fussballtrikots an Strassenständen im Mallorcaurlaub.
Nach einem verkorksten Saisonstart implementierten die Vereinsverantwortlichen mit José Juan Romero Ende September einen neuen Coach. Dieser gewährte González zwar eine Chance, setzte aber schon Ende Herbst nicht mehr auf ihn. Das "Highlight-Spiel" im Januar gegen den FC Barcelona in der Copa del Rey, sollte González nicht mehr als Ceuta-Spieler erleben. Er ergriff die Flucht.

Besonnener Neuanfang in Slowenien?

Über ein halbes Jahr lang suchten Spieler und Berater eine neue Bleibe für den einstigen City-Stürmer. Fündig wurden sie wieder in Osteuropa. Der NK Tabor Sežana gewährte González Asyl. Sežana, eine Kleinstadt im Westen Sloweniens, dürfte hierzulande wohl nur Pferdefreunden ein Begriff sein. Das Gestüt Lipica, mit seinen anmutigen, weissen Lipizzanern, ist eine Touristenattraktion. Irgendwie passt die Destination aber zum Mittelstürmer, der mit einer Pferdelunge ausdauernd seinem Durchbruch hinterherjagt. Tabor Sežana stieg im Sommer in die der "Druga Slovenska Nogometna Liga", die zweithöchste Spielklasse des Landes ab. Entsprechend war das Saisonziel schnell definiert – "Wiederaufstieg". Erfreulicherweise sollte dem "Wirbelwind" nun endlich eine Spielzeit bevorstehen, in welcher voll auf ihn gesetzt wird. Nach einigen Jokereinsätzen mauserte er sich zur Stammkraft und steuerte dem Vereinskonto 5 Tore in 20 Meisterschaftspartien zu. Die bittere Pille war jedoch, dass es Tabor überhaupt nicht lief. Aufgrund des schlechteren Torverhältnisses musste man am letzten Spieltag den erneuten Abstieg hinnehmen. Eine Katastrophe für González, dessen auf Juni 2024 datierter Vertrag wahrscheinlich nicht erneuert wird. Wieder steht die einstige schweizer Sturmhoffnung mit leeren Händen da. Schlechte Beratung, Pech und Verletzungen prägten seinen Werdegang.



In der Astrophysik gibt es den Begriff "Supernova". Damit gemeint ist die Explosion eines Sterns am "Ende seiner Lebenszeit". Leider stellt sich mittlerweile die Frage, ob der Karriere eines "künftigen Stars" bald das Ende bevorsteht.