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Vergessene Servette-Talente: Die Mauser ist vorbei

05.07.2024 00:06:57 | Peter

Adler Da Silvas Weg in den osteuropäischen Profifussball

 

Zum vierten und letzten Teil unserer Sommerserie erinnern wir uns an einen jungen Lockenkopf, der zu Zeiten in der Promotion League die gegnerischen Abwehrreihen schwindlig tanzte. Aus dem 16-jährigen Küken ist ein ausgewachsener Vogel geworden – oder genauer gesagt, ein ausgewachsener Adler.

Dass sie beim FC Vernier ein verheissungsvolles Talent in ihren Reihen haben, das wussten sie. Es war schon fast eine logische Konsequenz, dass Adler Da Silva einmal den Schritt in den Nachwuchsbereich des populärsten genfer Vereins machen würde. 2012 war es dann so weit – "der Adler ist gelandet".

Im Eilzug durch die Juniorenabteilungen

Allen schlechten Wortspielen zum Trotz, machte Adler Da Silva in den Juniorenauswahlen der Grenats mit Leistung von sich Reden. Schon im Alter von 15 Jahren beorderte ihn Massimo Lombardo in den Kader der U18. Trotz physischem Rückstand auf ältere Gegenspieler gelangen dem Schweiz-Brasilianer 7 Tore in 22 Einsätzen. Seine feine Technik verschaffte ihm ausreichend Vorteile, um gegen seine damaligen Gegenspieler zu bestehen. Als eine der Schlüsselfiguren feierte er den U18-Meistertitel mit seinen Teamkameraden. Fast schon als "Glücksfall" erwies sich für Da Silva die Zwangsrelegation der 1. Mannschaft im darauffolgenden Sommer. Denn aufgrund von Budgetkürzungen und einem situationsbedingten Umbruch war Trainer Anthony Braizat froh um vereinsinterne Verstärkungen. Quasi in den Sommerferien rutschte der Teenager in den Kader des Fanionteams. Dort kam er auch regelmässig zum Zug. 14 Einsätze machte Da Silva und steuerte dabei je ein Tor und eine Vorlage zum Aufstieg in die Challenge League bei.


Foto: R.B.

Über das eigene Ego gestolpert?

Mit den Leistungen in der Promotion League und dem Aufstieg in die zweithöchste Liga des Landes folgten auch Aufgebote in die Nachwuchsauswahlen des SFV. Adler Da Silva war drauf und dran, sich einen Namen ausserhalb des Kantons zu machen. Braizat setzte seinen jungen Angreifer auch eine Liga höher ein, ehe dieser Aufgrund einer Verletzung länger pausieren musste. In den sieben Einsätzen, die er bestreiten durfte, konnte Da Silva seine Qualitäten andeuten. Gleichzeitig zeigte er aber auch, dass er sich noch (zu) oft zu Dribblings oder Kabinettstückchen verleiten lässt, wenn ein einfacher Pass die bessere Option gewesen wäre. Als es im Dezember 2016 knallte und Trainer Braizat seinen Posten räumen musste, waren diese Eindrücke sicher nicht förderlich. Der neu verpflichtete Meho Kodro plante jedenfalls ohne den frisch 18 Jahre alt gewordenen Offensivkünstler. Die Rückrunde verbrachte Da Silva bei Etoile Carouge in der 1. Liga Classic.
Auch im Sommer wollte Kodro nichts vom ballverliebten Eigengewächs wissen. Eiskalt parkte der Bosnier Da Silva in der U21. Dieser sah seine Karriere in Gefahr und versuchte aus dem Debakel herauszukommen. Glücklicherweise bot sich eine Übergangslösung mit GC an. Der Stürmer wurde an die U21 des Rekordmeisters verliehen. Weil zum Saisonende auch Da Silvas Vertrag in Genf endete, waren Hoffnungen auf eine definitive Übernahme in Zürich nicht unberechtigt. Trotz regelmässigen Einsätzen in der zweiten Garde und einer Saisonvorbereitung mit Fanionteam, blieb das erhoffte Vertragsangebot aus. Auch ein Probetraining bei 1860 München war nicht von Erfolg geprägt. Mitte August bot sich mit dem FC Sion ein neuer Klub an, der den 19-jährigen verpflichten wollte. Im Wallis wurde das Jungtalent nochmals in der U21 platziert. Der Schritt in die Super League wäre noch zu gross gewesen. So hiess es wieder "Promotion League". In der dritten Spielklasse lief Da Silva 22-Mal für die Sittener auf. Als Angreifer machte er mit einem einzigen "Törchen" zu wenig auf sich aufmerksam. Bereits in der nächsten Sommerpause stand wieder ein Wechsel an. Die Karriere drohte in Nyon zu versanden.

Struktur im Schatten des UEFA-Hauptsitzes

Der Wechsel ins Stade de Colovray, gleich gegenüber dem Hauptsitz des europäischen Kontinentalverbands, war nicht von grossem Getöse begleitet. Ganz im Gegenteil – er ging ganz ruhig über die Bühne. Vielleicht war es ja auch genau das, was Da Silva gebraucht hatte. Kein stetiges Hoffen auf eine "Beförderung" in einen Profikader, kein Druck von Leuten, die in ihm das Sturmtalent von früher sahen. In Nyon war der Angreifer einfach einer von vielen. Zudem war er in der Promotion League immer mit erfahrenen Leuten zusammen, von denen er lernen konnte. Als mit Anthony Braizat noch ein alter Bekannter den Trainerposten der "Stadistes" übernahm, stimmten die Rahmenbedingungen für Da Silva vollends. Mit 12 Toren in 26 Partien zeigte er solide Leistungen für einen Mann von der Aussenbahn.

(Fussballerisches) Liebesglück im Osten

Adler Da Silva schien beim FC Stade Nyonnais angekommen zu sein. Beim Klub aus der höchsten Amateurliga setzte man auf die Dienste des Ex-Servettiens. Tief im Innern schien dieser aber noch immer den Traum vom Profifussballer zu haben. So war es im Februar 2021 nicht erstaunlich als Da Silva, der Corona-Pandemie zum Trotz, seinen ganzen Mut fasste und in die Slowakei auswanderte. Die Stadt Žiar nad Hronom sollte seine neue Heimat werden. Denn dort nahm ihn der FK Pohronie aus der Fortuna Liga (1. Division) unter Vertrag. Gleich bei seinem Debüt gegen den FC Nitra sorgte der Neuzugang aus der Schweiz mit einem Doppelpack für Aufsehen. 6 Tore und 11 Einsätze sollten zum Ende der Saison auf seinem Konto stehen. Damit rettete er Pohronie vor dem Gang in die Zweitklassigkeit.



Mit seinem Torriecher weckte er schliesslich das Interesse von Ligakrösus Slovan Bratislava. Der slowakische Rekordmeister öffnete den Geldbeutel und holte den Dribbelkünstler für 250'000 Euro in die Hauptstadt. Plötzlich hiessen die Gegner nicht mehr Breitenrain oder Cham, sondern PAOK Saloniki oder FC Kopenhagen. Slovan spielte in der UEFA Conference League und gewährte dem Neuzugang regelmässige Spielzeit. Bitter war das verletzungsbedingte Out im Achtelfinale, als man gegen den FC Basel 1893 ran durfte und erst im Elfmeterschiessen unterlag. Mit 35 Pflichtspielen (1 Tor und 7 Assists) endete Da Silvas erste Saison in Bratislava.

Kaderplatz wird anders benötigt

Es erstaunte, als im Sommer 2022 vermeldet wurde, dass Da Silva nicht mehr für Slovan auf Torejagd gehen würde. War ein Zerwürfnis mit Coach Vladimir Weiss der Ursprung für den Entscheid? Wollte man ihm einfach mehr Spielpraxis gewähren' Auf jeden Fall unterschrieb der Stürmer einen Leihvertrag beim MFK Zemplín Michalovce. Bis zur Winterpause sollte er so an den Ligakonkurrenten gebunden sein. Der mittlerweile 23-jährige zeigte, dass ihm der slowakische Fussball liegt. Mit dem Leistungsausweis von 7 Toren in 21 Spielen für Michalovce kehrte Da Silva zu Slovan zurück. Nach einer durchzogenen Rückrunde mit einer längeren Verletzungspause fiel der gebürtige Genfer aus dem Raster.

Slovan gewährt nochmals eine Chance

Im letzten Sommer war klar, dass Da Silva zwingend Spielpraxis benötigt. Diese sollte er in einem neuen Leihengagement erhalten. Diesmal sollte die Leihe über die Landesgrenze hinaus erfolgen. Mit Stal Rzeszów war ein polnischer Zweitligist auf der Suche nach einem neuen Mittelstürmer. Schliesslich erhielt der Verein aus dem Südosten des Landes den Zuschlag für polyvalenten Angreifer. Die Verantwortlichen in Rzeszów wurden schnell für ihr Händchen belohnt. In den ersten 9 Auftritten in seinen neuen Farben netzte Da Silva 7-Mal ein. Darunter seine Torpremiere im Derby gegen Resovia Rzeszów. In den folgenden Runden gerat der Tormotor etwas ins Stocken, nichtsdestotrotz blieb der Schweiz-Brasilianer bis zu einer langwierigen Schienbeinverletzung eine wertvolle Stammkraft. Gerne hätte man weiterverfolgt, was der einstige SFC-Junior im Frühling zu Leisten im Stande gewesen wäre. Soweit sollte es jedoch nicht kommen.



Da Silva bestreitet in diesen Tagen die Saisonvorbereitung mit seinen neuen, alten Teamkollegen vom SK Slovan Bratislava. Mit noch zwei Jahren Restlaufzeit seines Arbeitspapiers wird sich zeigen, ob der dynamische Torjäger kommende Spielzeit für Slovan auflaufen-, oder sich eine neue (Leih-)Destination suchen wird. Spannend wird es allemal – und das Leben hat gezeigt, dass man manchmal ganz schnell vom Abstellgleis ins Rampenlicht zurückkehren kann.